Tallinn ist die erste europäische Hauptstadt mit kostenlosen Nahverkehr für ihre Bürger. Auch in Deutschland gibt es Befürworter dieses Ansatzes. Die Vorteile scheinen zunächst offensichtlich zu sein. Einkommensschwache Haushalte könnten den Nahverkehr nutzen. Viele Menschen würden ihr Auto stehen lassen. Es gäbe weniger Staus, Parkplatzprobleme und Lärm. Die Taktfrequenz und die Anzahl der Strecken des ÖPNV könnten erhöht werden. Das Problem sind die Kosten. Dabei müsste die Stadt nicht nur für alle ihre Bürger eine Monatskarte bezahlen. Das Geld würde auch viel ineffizienter eingesetzt werden. Wenn die Verkehrsbetriebe erfolgsunabhängig vergütet werden, haben sie keinen Anreiz zu Qualität und Effizienz. Warum saubere Fahrzeuge, freundliches Personal, Pünktlichkeit, funktionstüchtige Infrastruktur auch im Winter anstreben, wenn der Gewinn davon völlig unabhängig ist? Am Ende könnte der ÖPNV so unattraktiv werden, dass viele ihr Auto doch nicht stehen lassen. Außerdem müssen die enormen Kosten woanders im Haushalt (z.B. Fahrradwege, Schulen) zu schmerzhaften Einschnitten führen.
Stattdessen bietet es sich an einen Mittelweg zwischen einem kostenlosen und einem sehr teuren Nahverkehr zu wählen. Es sollten durch Subventionen günstige Fahrpreise angestrebt werden. Die teilweise massiven Mittelkürzungen der letzten Jahre müssten demnach rückgängig gemacht werden.